Bruno Morchio: Kalter Wind in Genua


„Ich brause los, vertrocknete Blätter, Staub und Papierfetzen wirbeln durch die Luft. Hinunter in das ohrenbetäubende laute, pulsierende Genua, wo der Mistral an den Nerven der Menschen zerrt.“

Auf einer roten Vespa 200 PX ist der Privatdetektiv Bacci Pagano unterwegs. Er hat eine Vorliebe für Mozart, liebt gutes Essen und die Frauen. Noch ein Privatdetektiv mit leidlich originellen Attritbuten mag man meinen. Doch Bacci Pagano ist nicht der nette, italienische Privatdektektiv von nebenan, nicht der schnell zusammen geschusterte Serienheld, sondern eine komplexe, mehrfach gebrochene Figur.
Morchios Detektiv hat eine bewegte Vergangenheit. Fünf Jahre saß er unschuldig im Knast, verurteilt wegen Terrorismus. Auf einer Demo hatte er eine Waffe von der Straße aufgehoben, mit der zuvor ein Polizist erschossen worden war. Seither muss er fast täglich gegen seine Verbitterung und Wut ankämpfen. Er sympathisiert mit den Linken. Hat er es mit jemand aus dem rechten Lager zu tun, geht ihm schnell der Hut hoch. Da ist dann auch mal eine Prügelei mit dem Polizeichef drin. Pagano hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ohne deshalb gleich nach Marlow’schen Vorbild zum guten Ritter mutieren zu müssen.

Ein linker Radiosender startet eine ungewöhnliche Werbe-kampagne. „Fünf Kugeln und Italien ist sauber“ steht auf einem Plakat, darunter die Aufforderung, beim Sender anzurufen und Namen für eine Abschussliste durchzugeben. Hinter dem bizarren PR-Gag steckt ein alter Jugendfreund von Pagano, der ihn schließlich um Mithilfe bittet, als das Sturmgewehr, das die Radiomacher von den Werbeaufnahmen noch im Sender hatten, bei einem Einbruch gestohlen wird. Die Spuren führen Pagano zu einem gesuchten Terroristen. Ziel des geplanten Attentats scheint Berlusconi zu sein, der Genua einen Besuch abstatten will.
Aber Pagano hat noch andere Fälle zu bearbeiten. Denn mit nur einem Auftrag, erklärt er seinem Polizisten-Freund Pertusiello, ginge es ihm wie Philip Marlowe. „Und wie erging es Philip Marlowe?“, will Pertusiello wissen. „Immer Pleite“, sagt Pagano. Für eine Reeder-Familie ermittelt er in Sachen Industriespionage und stößt dabei auf weit verzweigte, mafiose Verstrickungen.

Der Terror bildet die Klammer für diese Geschichte, die wie nebenbei auch von der Mafia, von dekadentem Geldadel, Zwangsprostitution und den Schicksalen illegaler Immigranten erzählt, von den Globalisierungsprotesten und Polizeiwillkür. Es ist ein Füllhorn an Themen, das Morchio da anpackt und schlüssig verknüpft. Er weiß kompakt zu erzählen, führt seine Stränge gekonnt, auch wenn man zwischendurch meint, er habe den einen oder anderen aus den Augen verloren. Bei Morchio gibt es keine heile Welt. Ausruhen kann sein Detektiv nur bei Mozart und seinem Freund, dem Kommissar. Auch Genua ist nicht nur Kulisse. Bei Morchio verschmilzt die Geschichte mit der Stadt.
In seinem Nachwort setzt sich der 53-jährige, in Genua aufgewachsene Autor selbst in die Tradition von Jean-Claude Izzo und Manuel Vazquez-Montalban, mit ihren ebenfalls am Mittelmeer gelegenen Schauplätzen Marseille und Barcelona. Das passt schon und doch unterscheidet er sich von beiden. Izzo ist viel emotionaler und Vazquez-Montalban politischer. Doch bei allen Dreien spielt die Stadt und ihre Menschen eine zentrale Rolle, alles stets verbunden mit den politischen Verhältnissen.
Vier Romane um seinen Detektiv hat Morchio, der im Brotberuf Psychologe und Psychotherapeut ist in Italien bereits veröffentlicht. Man darf also auf die kommenden Bände gespannt sein.

Frank Rumpel


Bruno Morchio: Kalter Wind in Genua. Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler. 316 Seiten, Unionsverlag, 19,90 Euro. ISBN:978-3-293-00374-3.



 Aktuelles

Die Krimiweltbestenliste wird im September von Andrea Maria Schenkel angeführt. Heinrich Steinfest ist mit seinem neuen Roman auf Platz Zwei eingestiegen. Die gesamte Liste gibt es unter www.arte.tv/krimiwelt


Unter www.arte.tv/krimiwelt gibt es die Juli-Krimiwelt-Bestenliste.
Petros Markaris ist abgerutscht auf den letzten Platz. Matti Rönkä ist immer noch
dabei. Neu eingestiegen sind Astrid Paprotta und Gisbert Haefs.



Die Juni-Krimiwelt-Bestenliste gibts unter www.arte.tv/krimiwelt
Petros Markaris hat es auf den ersten Platz geschafft.



Mai 2007
Die neue Krimiwelt-Bestenliste ist da: www.arte.tv/krimiwelt


April 2007
Das Syndikat hat den Glauser Preis 2007 verliehen

In der Sparte Kriminalroman an:
Martin Suter: "Der Teufel von Mailand"

In der Sparte Debut an:
Andrea Maria Schenkel: "Tannöd"

Für die beste Kriminalkurzgeschichte wurde
Sabina Nabers "Peter in St. Paul"
ausgezeichnet.

Den Ehrenglauser fürs Gesamtwerk bekam
Irene Rodrian



April 2007
Unter www.arte.tv/krimiwelt gibt es die aktuelle Krimiwelt-Bestenliste.



Februar 2007
Die Krimiwelt-Bestenliste für März ist da. Angeführt wird sie auch diesen Monat von John Harvey und dessen Roman "Schrei nicht so laut". Leider ein ziemlich bescheidener, deutscher Titel für einen klasse Roman. Die Liste findet sich unter www.arte.tv/krimiwelt



Januar 2007:
Die Krimiweltbestenliste für Februar ist da und zwar unter
www.arte.tv/de/kunst-musik/buchtipps/KrimiWelt/954304.html


Januar 2007:
Der Deutsche Krimipreis 2007 wurde vergeben an.

National:
Andrea Maria Schenkel: Tannöd (Edition Nautilus)
Paulus Hochgatterer: Die Süße des Lebens (Deuticke)
Oliver Bottini: Im Sommer der Mörder (Scherz)

International:
Robert Littell: Die kalte Legende (Scherz)
Pete Dexter: Train (Liebeskind)
Leonardo Padura: Adios Hemingway (Unionsverlag)

Mehr Infos gibts unter www.deutscher-krimipreis.de


Januar 2007:
Unter www.arte.tv/static/c2/krimi2007/Bestenliste_Jan_07.pdf gibt es die akutelle Krimiwelt-Bestenliste als PDF.


November 2006:
Im Frühjahr 2007 wird das von Dieter Paul Rudolph (siehe auch Links) initiierte Krimijahrbuch 2007 beim NordPark-Verlag erscheinen. In dem für engagierte Krimileser unentbehrlichen Band findet sich, wie bereits im Krimijahrbuch 2006 (www.krimijahrbuch.de), eine Fülle von Texten zur Kriminalliteratur, Bestandsaufnahmen, Betrachtungen zur aktuellen Produktion, Rezensionen zur deutsch- und fremdsprachigen Krimiszene, Interviews, Portraits, Texte zu Filmen, Serien und Hörbüchern, Originalbeiträge von Autorinnen und Autoren und und und. Der reichhaltige Band (etwa 300 Seiten) wird im Buchhandel zu bekommen sein (das Jahrbuch 2006 ist auch noch erhältlich). Man kann das Jahrbuch 2007 aber auch jetzt schon beim Herausgeber ( siehe: http://www.hinternet.de/weblog/2006/11/ein-blick-ins-krimijahrbuch-2007.php) vorbestellen.


September 2006:
In der ständig aktualisierten Rubrik Krimi-Kritik sind meine Krimi-Rezensionen gesammelt.